Melanie Fleischmann über Blinde Abnahmen in Frazier

Und wann ich die Abnahme mache, kann ich mir selbst aussuchen.

Hallo Melanie, stell dich doch mal kurz vor!

Ich bin 33, lebe in München und bin blind. Ursprünglich bin ich Sozialpädagogin, habe mich 2020 als Schriftdolmetscherin selbstständig gemacht und schon 2021/22 gemerkt, dass mir die KI in dem Bereich zunehmend das Wasser abgräbt. 2022 habe ich dann bei Bernd Benecke vom BR den Workshop Audiodeskription besucht, weil ich es spannend fand, dass blinde und sehende Personen da zusammenarbeiten.

Dort habe ich Janna kennengelernt, eine inzwischen sehr enge Kollegin, die mich gefragt hat, ob ich für Descriptive Video Works arbeiten möchte. Das mache ich jetzt seit 2022. Seit diesem Jahr arbeite ich außerdem für D-Facto Motion, Bewegte Bilder und ab und zu fragen mich auch Autor:innen privat an.

Wie bist du zu Frazier gekommen?

Während des ersten Workshops bei Bernd habe ich noch klassisch mit Word und VLC gearbeitet. Und da haben wir einfach schon gemerkt, ey, das ist ja krass, wie lange das dauert. Dann musst du erst mal den Timecode hinschreiben und dann deinen Text und dann musst du in den Film gehen und diesen Text sprechen, ob der da hineinpasst. Janna und ich haben dann in einem zweiten Workshop angefangen, mit Frazier zu arbeiten und festgestellt, dass wir viel mehr geschafft haben, als alle anderen Teilnehmer.

Da ein paar Sachen aber noch nicht richtig funktionierten, habe ich euch einfach angeschrieben. Ihr habt die Fehler beseitigt und seit ein, zwei Jahren funktioniert es so gut, dass ich damit ganz normal arbeiten und auch die Abnahme machen kann.

Wie läuft ein typisches Projekt für dich heute ab?

Ein Auftraggeber fragt mich an, der Film kommt morgen und muss bis Freitag raus. Ich werde dann in ihr Frazier-Projekt eingeladen. Ich schaue mir den Film an, setze an den Stellen, wo ich etwas zu sagen oder zu Fragen habe, Kommentare. Danach lese ich noch mal komplett von oben bis unten. Wenn ich fertig bin, gebe ich Bescheid, das Team nimmt den Film zurück, und manchmal klären wir einzelne Kommentare noch kurz. Aber in der Regel sind es Sachen, die dann einfach geändert werden und wir nicht noch mal darüber diskutieren.

Was ist deine Lieblingsfunktion in Frazier?

Ganz klar die Kommentare. Da kann man in Kommunikation gehen. Das ist auch das, was immer Leute kritisieren, die das ganze System nicht checken. Es heißt „Ja, dann kannst du ja nicht mit den Leuten reden.“ Ja, doch, kann ich schon. Zwar nicht im 1:1 und direkt, aber ich kann einen Kommentar schreiben.

Und das ist wie, wenn ich eine WhatsApp schreiben würde. Nur dass es auch direkt an der Stelle ist und die Person direkt sehen kann, worauf ich mich beziehe, ohne dass wir erst mühsam den richtigen Timecode wiederfinden müssen. Das spart in der Kommunikation enorm viel Zeit gegenüber einem direkten Gespräch.

Wie aufwendig ist es, sich in Frazier einzuarbeiten?

Ich hatte mal eine ältere Autorin in einer Schulung, die sich selbst als gar nicht technikaffin beschrieben hat. Sie betonte immer, wie schlimm das alles wird. Es war aber alles überhaupt nicht schlimm, weil ich es ihr gut vermitteln konnte. Ich habe ihr nur gezeigt, wie man den Film startet und Kommentare setzt, ohne selbst Text zu ändern. Innerhalb von eineinhalb Stunden hatte sie das sicher verstanden.

Gruppenschulungen dauern dagegen länger, weil da unterschiedliche Kenntnisstände und oft auch zwei verschiedene Arbeitsumgebungen (Mac und Windows) zusammenkommen. Wenn jemand grundsätzlich fit am Computer ist, reicht mir inzwischen eine Stunde 1:1.

Gab es für dich einen besonderen Aha-Moment?

Mich überrascht eigentlich jedes Mal wieder, wie schnell ich wieder drin bin. Selbst wenn ich monatelang kein Projekt hatte. Ich muss mich nicht neu einfuchsen, das ist wie Fahrradfahren. Und im Vergleich zur klassischen Tandem-Arbeit, bei der man sich mit einer sehenden Person verabreden und synchron durch den Film gehen muss, ist es ein großer Unterschied, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich arbeite. Also auch mal nachts um zwei, nachdem der Film zu Ende ist.

Also kein Weg zurück zum klassischen Workflow?

Auf keinen Fall. Die Zeitersparnis allein macht den Unterschied, aber vor allem die Eigenständigkeit will ich nicht mehr hergeben.